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EDIFACT - Totgesagte leben länger

Ein kurzer Blick zurück

Die neunziger Jahre des letzten Jahrtausends brachten eine Reihe von Veränderungen in viele Unternehmen. Das Internet hielt Einzug und damit auch die Möglichkeit andere Geschäftspartner über das Netz zu erreichen. Parallel dazu wurde 1998 der XML-Standard verabschiedet — ein markup-basierter Standard zur Beschreibung von strukturierter Information.

Auf dieser Basis entstanden in weiterer Folge eine Reihe von Standards und Technologiestacks, mit Hilfe derer man die Art und Weise wie B2B-Interaktionen zwischen Unternehmen zustande kommen, revolutionieren wollte — beispielsweise ebXML oder cXML. Vorher unbekannte Unternehmen, wie beispielsweise Commerce One, waren unter Anlegern plötzlich heiß begehrt. Mit dem Platzen der Dot-Com-Blase verschwanden nicht nur viele der Unternehmen — auch der Hype um die neuen B2B-Standards ebbte ab.

Später, rund um 2005, kamen service-orientierte Architekturen (SOA) als neues Paradigma für die einfache unternehmensübergreifende Kommunikation auf. Grundidee dabei ist, dass Unternehmen bestimmte Kernfunktionalitäten für andere Geschäftspartner über eine wohl-definierte Schnittstelle in einem Netzwerk zur Verfügung stellen. In diesem Zusammenhang wurden vor allem SOAP/WSDL Web Services als die Technologie der Wahl für eine service-orientierte Architektur bekannt.

In den letzten Jahren ging man von dem schwergewichtigen WS-* Stack (oft auch als WS-Todesstern bezeichnet) weg und setzte stärker auf leichtgewichtigere Ansätze, wie RESTful Web Services. Immer mehr Unternehmen bieten heute bereits eine REST API an, über die JSON oder XML-Dokumente ausgetauscht werden können.

Wie man aus diesem kurzen Überblick erkennen kann, sind Standards gekommen und gegangen, Architekturkonzepte wurden gehypt und anschließend wieder fallen gelassen. Nur ein Standard hat sie alle überlebt — EDIFACT.

Survival of the fittest

Das „Survival of the fittest“ aus Charles Darwin’s Evolutionstheorie scheint auch hier zu gelten: die am besten angepassten Individuen überleben.


Charles Darwin
Charles Darwin

Laut Darwin überlebt nicht die Art, welche alle anderen Arten verdrängt, sondern die Art, die es am besten schafft sich den widrigen Bedingungen der Umwelt anzupassen und sich kontinuierlich zu vermehren. Warum ist EDIFACT „the fittest“?

EDIFACT funktioniert

In vielen Supply-Chains wird heute EDIFACT erfolgreich eingesetzt. Unternehmen haben Kernprozesse rund um Bestellung, Lieferschein und Rechnung auf EDIFACT-Standards aufgesetzt und tauschen mit ihren Handelspartnern EDIFACT-Dokumente aus. Diese Prozesse haben sich erfolgreich eingeschliffen und helfen den Unternehmen die zeitkritischen Prozesse von heute zu realisieren.

Vor allem große Unternehmen sind dabei eine Art von Multiplikator und Akzelerator, da sie Vorlieferanten und Abnehmer in die EDIFACT-Welt mit hineinziehen. Am Ende ist es auch oft eine take-it-or-leave-it-Entscheidung — entweder setzt der kleine Vorlieferant die geforderten EDI-Prozesse des größeren Handelspartners um, oder er ist nicht mehr Vorlieferant.

EDIFACT war zuerst da

Vor allem große Unternehmen haben in den letzten 20 – 30 Jahren begonnen ihre Prozesse massiv zu automatisieren. Im Handelsbereich hat sich dabei beispielweise das EANCOM EDIFACT Subset durchgesetzt. EANCOM liegt heute in drei Versionen vor: D93A, D96A und D01B. Als der erste EDIFACT EANCOM Standard auf Basis von D93A verabschiedet wurde, gab es noch kein XML. EDIFACT war also schlichtweg zuerst da und wurde für die Umsetzung von B2B-Prozessen herangezogen.

Ein Technologiewechsel weg von EDIFACT hin zu XML wurde von den meisten Unternehmen nach der Einführung von XML nicht vollzogen. Warum auch — die EDIFACT-basierten Prozesse waren eingerichtet und funktionierten. Ein Wechsel von EDIFACT-Syntax auf XML-Syntax hätte für die meisten Unternehmen nur einen unnötigen technischen Aufwand bedeutet, ohne dass diesem Aufwand entsprechende Vorteile gegenübergestanden wären. In den meisten Unternehmen gilt dies bis heute.

EDIFACT-Kosten sinken

Eine EDI-Einführung war in den Anfangszeiten oft mit relativ hohen Kosten verbunden. So musste die Unternehmenssoftware angepasst werden, damit strukturierte Daten importiert und exportiert werden konnten. Nachgelagert musste eine EDI-Konvertersoftware angeschafft werden, die eine Übersetzung des unternehmensinternen Formats in das EDIFACT-Format und umgekehrt realisierte. Am Ende mussten dann die notwendigen EDI-Verbindungen zu den einzelnen Partnern geschaffen werden — oft auf Basis von verschiedenen Protokollen wie X.400, AS2, OFTP, OFTP2, usw.

Heute stehen für die Realisierung von EDI-Anbindungen spezialisierte EDI-Dienstleister zur Verfügung, welche die Kosten für eine EDI-Anbindung wesentlich reduzieren können. Damit wird EDI auch für die breite Masse leistbar.

EDIFACT funktioniert auch ohne teure VANs

In den Anfangsjahren von EDI wurden EDIFACT-Dokumente größtenteils noch über Value-Added-Networks (VAN) ausgetauscht, welche teuer im Betrieb waren und die Transaktionskosten für eine EDI-Nachricht in die Höhe trieben. Durch die steigende Verbreitung des Internets haben sich heute alternative Protokolle durchgesetzt (z.B. AS2 oder OFTP2), welche die Transaktionskosten wesentlich reduzieren.

Ausblick

Wie unser kurzer Überblick zeigt, hat sich EDIFACT seinen Platz in der B2B-Welt erarbeitet und wird auch in Zukunft im B2B-Datenaustausch eine wichtige Rolle spielen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass XML-basierte Lösungen weiter an Popularität gewinnen — beispielsweise vor dem Hintergrund der Standardisierung eines einheitlichen semantischen europäischen Rechnungsstandards. Für diesen semantischen Standard sollen auch Syntaxen empfohlen werden — wie man aus gut informierten Kreisen in der EU hört, wird EDIFACT nicht darunter sein.

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