5 min Lesezeit

Von der Berliner Luftbrücke zu den Supply-Chains von heute

1948 – Die Berliner Luftbrücke

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Das Berliner Stadtgebiet, das sich in der sowjetischen Besatzungszone befand, war selbst wiederum in vier Sektoren aufgeteilt. Um West-Berlin zu erreichen, musste die sowjetische Besatzungszone durchquert werden. Per Flugzeug war West-Berlin über drei Luftkorridore erreichbar, über deren Nutzung es zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion entsprechende, schriftliche Vereinbarungen gab. Für die Nutzung der Land- und Wasserwege gab es keine derartige Vereinbarung.


Luftkorridore während der Berliner Luftbrücke
Luftkorridore während der Berliner Luftbrücke

Am 24. Juni 1948 wurden alle Straßen, Schienen und Wasserwege zwischen den Westzonen (das spätere Westdeutschland) und Berlin durch die Sowjetunion gesperrt. Dadurch waren die drei Westalliierten von ihren Truppen in West-Berlin abgeschnitten und auch die Bevölkerung von West-Berlin konnte das Stadtgebiet nicht mehr verlassen. Am 25. Juni 1948 wurde die Errichtung der Luftbrücke befohlen und am 26. Juni landete das erste Flugzeug am Flughafen Tempelhof in West-Berlin. Dabei brachten die Flugzeuge Hilfsgüter wie Getreide, Mehl und Medikamente, aber auch Kohle und Benzin nach West-Berlin. Die verwendeten Flugzeuge vom Typ C-47 Skytrain bzw. C-54 Skymaster wurden auch als Candy-Bomber oder Raisin-Bomber (dt. Rosinenbomber) bekannt.


Landung eines Rosinenbombers am Flughafen Tempelhof
Landung eines Rosinenbombers am Flughafen Tempelhof

Am 12. Mai 1949 beendete die Sowjetunion die Blockade von Berlin, was auch das Ende der Berliner Luftbrücke bedeutete.

Die Herausforderungen

Der offizielle Report der USAFE (United States Air Forces in Europe) nennt 2.325.509,60 Tonnen an Fracht, die nach Berlin gebracht wurde. Dieses Frachtvolumen stellte die beteiligten Logistiker vor eine schwierige Herausforderung. Flugzeuge mit neuer Fracht landeten im Minutentakt auf den Flughäfen. Die Fracht musste anschließend so schnell wie möglich entladen und weiter verteilt werden, da der Warenumschlagplatz auf den Flughäfen sehr begrenzt war.
Um einen schnellen Warenumsatz am Flughafen sowie eine effiziente Weiterverteilung in der eingeschlossenen Stadt zu ermöglichen, waren also entsprechend flüssige und ineinander greifende Prozesse notwendig, wie sie heute in Supply-Chains selbstverständlich sind. Das erwies sich jedoch als problematisch, da die Ladungsverzeichnisse und Frachtlisten der Flugzeuge in unterschiedlichen Formen, Formaten und Sprachen vorhanden waren.


Umschlag von Waren am Flughafen Tempelhof
Umschlag von Waren am Flughafen Tempelhof

Der zuständige Offizier Edward A. Guilbert erkannte schnell, dass die Information über die Fracht mindestens genauso wichtig war, wie die Fracht selbst.

Um das Problem der inkompatiblen Frachtlisten zu lösen, entwickelten Edward A. Guilbert und andere Logistikoffiziere eine Standardfrachtliste, die mittels Telex, Funk und Telefon übermittelt werden konnte. Es wurde also ein erster Standard für den elektronischen Datenaustausch erstellt, auch wenn auf beiden Seiten des Kommunikationskanals noch Menschen saßen und nicht Maschinen.
Bevor die Flugzeuge landeten, konnten die Frachtlisten bereits vorab kommuniziert werden und am Flughafen der Warenumschlag vorbereitet werden – ähnlich wie heute Lieferungen vor deren Eintreffen beim Warenempfänger mit Hilfe von Despatch-Advices (DESADV) vorangekündigt werden.

Weiterentwicklung der standardisierten Frachtlisten zu den modernen EDI-Standards

Edward Guilbert arbeitete in den frühen 1960er Jahren für Du Pont Co., wo er, aufbauend auf den Erfahrungen aus der Berliner Luftbrücke, ein Standardset an Nachrichten mitentwickelte, mit Hilfe derer Logistikinformationen zwischen Du Pont und dem Transportunternehmen Chemical Leaman Tank Lines ausgetauscht werden konnten. 1968 gründeten verschiedene Transportunternehmen aus den Bereichen Schifffahrt, Luftfahrt, Eisenbahn und Straßenverkehr das Transportation Data Coordinating Committee (TDCC) um Cross-Industry-Standards zu entwickeln. 1975 wurden schließlich die ersten EDI-Spezifikationen der TDCC publiziert, an deren Entwicklung Ed Guilbert als Präsident der TDCC maßgeblich beteiligt war. Als Erinnerung und in Anerkennung dieser richtungsweisenden Leistungen von Edward Guilbert vergibt die DISA (Data Interchange Standards Association) den Edward A. Guilbert e-Business Professional Award.

Neben der Transportindustrie begannen auch andere Industriesektoren, wie die Automobilindustrie, die Pharmabranche sowie der Einzelhandel an einer Vereinheitlichung der verwendeten Standards zu arbeiten. Dies führte zu einer Vielzahl an unterschiedlichen, zueinander inkompatiblen Initiativen.

1979 gründete ANSI (American National Standards Institute) daher das Accredited Standards Committee X12 mit der Aufgabe, einen offenen und neutralen EDI-Standard zu entwerfen. 1982 wurde schließlich der erste ANSI ASC X12 Standard publiziert. Die Inhalte und Konzepte von ANSI ASC X12 bauten dabei maßgeblich auf den Erkenntnissen der TDCC Standards von Ed Guilbert auf. Die Nachfolgeversionen des ANSI ASC X12 Standards sind auch heute noch der de-facto EDI-Standard im nordamerikanischen Raum.

1987 begannen die Vereinten Nationen mit der Entwicklung von UN/EDIFACT (United Nations/Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport). Der UN/EDIFACT Standard sowie seine verschiedenen Subsets werden seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und stellen heute den de-facto EDI-Standard in Europa dar.

Weitere Standardisierungsarbeiten wurden auch im Bereich der Produktidentifikation und der Handelspartner-Identifikation unternommen (aber das ist wieder eine andere Geschichte…).

Ohne die Verwendung der EDI-Standards wie ANSI ASC X12 und UN/EDIFACT und die eindeutige Produktidentifikation durch Strichcodes oder RFID Tags (Radio-Frequency-Identification) wären moderne länder- und industriesektoren­übergreifende Supply-Chains von heute nicht realisierbar.

Schwer zu glauben, dass das alles mit der Berliner Luftbrücke begann.

Weitere Infos

Image credits

  • Deutschlandkarte: By Leerlaufprozess (Own work) GFDL or CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons
  • Rosinenbomber im Landeanflug: By USAF (Public domain), via Wikimedia Commons
  • Rosinenbomber am Flughafen Tempelhof: By U.S. Air Force (Public domain), via Wikimedia Commons
Themen

Meistgelesen

Weiterlesen

9 min Lesezeit

EDI-Integration: Was ist das und wie kann sie Ihrem Unternehmen helfen?

Eine effiziente EDI-Integration kann sich positiv auf Ihr Unternehmen auswirken. Lesen Sie unseren Artikel, um herauszufinden, wie Sie davon profitieren können.

5 min Lesezeit

Die verpflichtende elektronische B2B-Rechnungsstellung in Polen kommt – alle Fakten und Deadlines

Alle Neuerungen zur elektronischen B2B-Rechnung in Polen laufend aktualisiert im praktischen Frage/Antwort-Format.

7 min Lesezeit

e-Rechnung in Polen – B2G und B2B im Überblick

Polen erwies sich bei den Maßnahmen gegen die sogenannte Mehrwertsteuerlücke als besonders gründlich – die daraus resultierenden Regelungen der verpflichtenden elektronischen B2G- und B2B-Rechnung hier im Überblick.

3 min Lesezeit

Übersetzungen für SAP®-Terminologie und SAP®-Begriffe finden

Um die richtigen Übersetzungen für SAP®-Terminologie und SAP®-Begriffe zu finden, stellt SAP® hilfreiche Transaktionen zur Verfügung. Wir stellen diese im Folgenden vor.

6 min Lesezeit

Die verpflichtende elektronische B2B-Rechnungsstellung in Frankreich kommt – alle Fakten und Deadlines

Laufend aktualisiert finden Sie in diesem Artikel alle Neuerungen zur elektronischen B2B-Rechnung in Frankreich.

6 min Lesezeit

e-Rechnung in Frankreich – B2G und B2B im Überblick

Frankreich geht bei der verpflichtenden e-Rechnung in den Bereichen B2G und B2B weiter als andere Länder – dieser Artikel dient Ihnen als Überblick.

5 min Lesezeit

Moderne EDI-Systeme – eine kurze Einführung

Sind Sie sich darüber im Klaren, was moderne EDI-Systeme bieten können? In diesem Artikel gehen wir auf den jüngsten Trend zu EDI as a Service ein.

4 min Lesezeit

Fünf EDI-Trends, die man nicht verschlafen sollte

Welche EDI-Trends bieten aktuell Wettbewerbsvorteile – und werden in Zukunft erfolgskritisch werden? Die fünf wichtigsten in diesem Artikel.

10 min Lesezeit

Fully Managed EDI erklärt

Was ist Fully Managed EDI, welche Vorteile bietet dieser Rundum-Sorglos-Ansatz Ihrem Unternehmen und warum ist er die Zukunft der B2B-Integration?

4 min Lesezeit

Peppol in Singapur

Sie möchten Dokumente gemäß den Peppol-Vorschriften von Singapur austauschen? In diesem Artikel erfahren Sie alles über Peppol in Singapur.

9 min Lesezeit

Sistema di Interscambio (SdI) ersetzt Esterometro ab Juli 2022

Ab Juli 2022 müssen italienische Unternehmen für grenzüberschreitende Rechnungen auch das Sistema di Interscambio (SdI) verwenden.

6 min Lesezeit

EDI inhouse – wie einfach ist der Umgang mit elektronischem Datenaustausch wirklich

Die Abwicklung von EDI inhouse mag wie eine einfache Lösung erscheinen, aber wissen Sie, was die Einrichtung und der Betrieb eines EDI-Systems wirklich bedeutet?

We use cookies to provide an optimal website experience. You decide which one you want to allow. Depending on the setting, however, not all functionalities may be available to you. Data protection & Imprint.