EDI-Prozesse in der Automobil­industrie mit EDIFACT, ANSI ASC X12, VDA, ODETTE und IDoc umsetzen
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Die Supply-Chains in der Automobilindustrie sind geprägt von einem hohen Grad an Automatisierung. Anstatt Papierdokumente auszutauschen, werden Bedarfszahlen, Lieferavis, Gutschriften usw. elektronisch mit Hilfe von EDI ausgetauscht.

Im folgenden Beitrag geben wir einen Überblick über die wichtigsten EDI-Prozesse im Bereich der Automobilindustrie. Wir stellen die verschiedenen EDI-Dokumentenstandards vor und zeigen welche IDoc-Typen zur Anwendung kommen können, um Nachrichten mit einem SAP ERP-System auszutauschen.

EDI-Prozesse in der Automobil­industrie

Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über die verschiedenen Nachrichtentypen, die bei einem Nachrichtenaustausch zwischen einem Automobilhersteller (OEM) und den verschiedenen Tier-1 und Tier-2-Lieferanten zur Anwendung kommen können. Die Prozessautomatisierung kann auch Tier-3, Tier-4-Lieferanten usw. miteinschließen.

EDI-Prozesse in der Automobilindustrie

EDI-Prozesse in der Automobilindustrie

Mit Hilfe eines Lieferabrufs kommuniziert der OEM den Bedarf für ein bestimmtes Material an den Lieferanten. Ein Lieferabruf beinhaltet dabei üblicherweise eine Bedarfsvorschau für die nächsten 52 Wochen. Desto weiter in der Zukunft, desto unschärfer werden die Werte naturgemäß. Nichtsdestotrotz ist die Bedarfsvorschau für die Planung der Produktion und Beschaffung auf Seiten des Lieferanten unerlässlich. Im SAP werden die Lieferabrufdaten einem Lieferplan (engl. Scheduling Agreement) zugeordnet. Die folgende Abbildung zeigt einen beispielhaften Lieferplan auf Seiten des Lieferanten in Transaktion VA33 mit den abgerufenen Mengen und Datumswerten.

Beispiel für einen Lieferplan in Transaktion VA33

Beispiel für einen Lieferplan in Transaktion VA33

Zusätzlich zu einem Lieferabruf sendet der OEM JIT-Abrufe an den Lieferanten. In den JIT-Abrufen werden die exakten Bedarfszahlen für ein bestimmtes Material für einen bestimmten Zeitraum kommuniziert. Ein JIT-Abruf beinhaltet dabei typischerweise die genauen Bedarfs­zahlen für die nächsten zwei bis drei Wochen. Zusätzlich kann der JIT-Abruf noch Informationen wie die genaue Abladestelle, Anlieferzeit­fenster usw. beinhalten.

Im Falle von Just-in-Sequence-Prozessen (JIS), sendet der OEM auch JIS-Abrufe an den Lieferanten. Mit Hilfe von JIS-Abrufen wird die exakte Anliefersequenz an den Lieferanten kommuniziert.

Nachdem der Lieferant die geforderten Materialien verpackt hat und diese zum Versand bereitstehen, wird ein Lieferavis an den OEM gesendet. Mittels des Lieferavis informiert der Lieferant den OEM über die in Kürze erfolgende Anlieferung. Der Lieferavis enthält Informationen über die versendeten Materialien, die Anzahl der Paletten, die Anzahl der verwendeten KLT-Boxen (Kleinladungsträger), die an den Paletten und KLTs angebrachten Seriennummern usw. Nachdem die Ware beim OEM angekommen ist, wird diese von der Eingangslogistik vereinnahmt. Dabei werden die auf den Paletten angebrachten Labels gescannt und mit den vorher per Lieferavis erhaltenen Daten verglichen. Dadurch können mögliche Abweichungen sowie Unter- oder Überlieferungen schnell erkannt werden.

Mit Hilfe eines Functional Acknowledgements bestätigt der OEM den Erhalt des Lieferavis an den Lieferanten. Je nachdem ob der Lieferavis verarbeitet werden konnte oder nicht, erhält der Lieferant eine positive oder negative Bestätigung. Im Falle einer negativen Bestätigung kann der Lieferant die notwendigen Korrekturen vornehmen und den Lieferavis noch einmal senden.

Nachdem die Ware beim OEM erfolgreich vereinnahmt wurde, sendet der OEM eine Warenempfangsbestätigung an den Lieferanten. Damit wird dem Lieferanten die vereinnahmte Menge an Material bestätigt.

Am Ende erfolgt die Verrechnung der gelieferten Materialen mit Hilfe von Gutschriften oder Rechnungen. In den meisten Fällen kommt ein Gutschriftsverfahren zur Anwendung.

EDI-Standards

Im Gegensatz zu beispielsweise GSM (Global System for Mobile Communications - der weltweite Standard für Mobilfunk), gibt es im Bereich von EDI keinen einheitlichen globalen Standard. Stattdessen existieren mehrere Standardfamilien, welche von unterschiedlichen Standardisierungsorganisationen gewartet und betreut werden. Im Folgenden stellen wir die wichtigsten Standardfamilien vor.

UN/EDIFACT

UN/EDIFACT ist ein internationaler Standard für den elektronischen Datenaustausch, der von den Vereinten Nationen entwickelt wird. Die Standardisierungsarbeit wird dabei von der UN-Organisation UN/CEFACT vorangetrieben. UN/EDIFACT ist einer der weltweit am meisten verbreiteten EDI-Standards und wird in verschiedenen Geschäftsbereichen und Industrien eingesetzt. Der eigentliche Standard ist sehr umfangreich und wird so gut wie nie in seiner Reinform eingesetzt. Stattdessen haben sich verschiedene Subsets etabliert, wie beispielsweise EANCOM im Bereich Handel. Des Weiteren existieren auch unternehmenspezifische Subsets. So haben beispielsweise die viele der großen OEMs eigene EDIFACT-Subsets definiert.

ANSI ASC X12

ANSI ASC X12 ist ein EDI-Standard, der vom American National Standard Institute herausgegeben wird. Die einzelnen Subgruppen von ANSI entwickeln dabei EDI-Standardsets für verschiedene Domänen wie den Finanzbereich, die Transportwirtschaft, die Versicherungs­wirtschaft usw. ANSI ASC X12 spielt heute eine wichtige Rolle in Nordamerika, wo es der meistgenutze EDI-Standard ist. Dies betrifft auch die Automobilindustrie und ihre Zulieferer. Viele der großen amerikanischen OEMs unterstützen aber neben ANSI ASC X12 auch UN/EDIFACT.

VDA

VDA ist das Akronym für “Verband der deutschen Automobilindustrie”. Unter anderem entwickelt VDA auch einen eigenen EDI-Standard, der vor allem im Bereich der Automobilindustrie und der produzierenden Industrie eingesetzt wird. VDA ist vor allem in der deutschen Automobilindustrie sehr weit verbreitet.

Odette

Odette International Ltd. ist eine Non-Profit-Organisation und eine pan-europäische Services- und Kollaborationsplattform der Automobilindustrie. Unter den Mitgliedern von Odette finden sich verschiedene nationale Automobilorganisationen wie VDA (Deutschland), GALIA (Frankreich) usw. Das Ziel von Odette ist die Bereitstellung von Lösungen für die verschiedenen Herausforderungen in den Lieferketten von Automobilherstellern. Als Teil dieser Arbeit entwickelt Odette auch einen eigenen EDI-Standard für die Automobilindustrie. Odette-Standards werden von einer Reihe von Automobilherstellern unterstützt.

Mapping auf IDoc-Typen

Um Daten in ein SAP ERP-System und aus einem SAP ERP-System zu bekommen, werden IDocs eingesetzt. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen EDI-Standards im Bereich der Automobilindustrie. In den beiden rechten Spalten sind die IDoc-Basistypen und IDoc-Nachrichtentypen abgebildet, welche für den Import- und Export der Daten in und aus einem SAP ERP-System verwendet werden können.

EDI-Nachrichtentypen in der Automobilindustrie

EDI-Nachrichtentypen in der Automobilindustrie

Dabei gilt es zu beachten, dass der IDoc-Basistyp und IDoc-Nachrichtentyp unterschiedlich sein können, je nachdem welche SAP-Version und welches Anwendungsszenario zur Anwendung kommt. So können beispielsweise auch eigenes entwickelte Z-IDocs zur Anwendung kommen.

Im Hinblick auf VDA sei noch angemerkt, dass die neuen EDIFACT-basierten Standardversionen immer stärker zur Anwendung kommen. Nichtsdestotrotz findet man noch in vielen Anwendungsszenarien die alten Fixed-Length-basierten Standard, wie zB VDA 4905.

Noch Fragen?

Sie haben noch Fragen zum Thema IDoc oder zum Thema elektronischer Datenaustausch mit einem SAP ERP? Zögern Sie nicht und nehmen Sie mit uns Kontakt auf – wir helfen Ihnen gerne weiter!


Themen: SAP  IDoc  VDA  ODETTE  ANSI ASC X12  EDIFACT 

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